An der alten DDR-Grenze: Rudelwanderung mit zwölf Schäferhunden

Mario Jessat; Rudelwanderung, Schäferhunde vom Altenburger Land.

Nicht nur Deutschland war jahrzehntelang zweigeteilt, auch der Deutsche Schäferhund entwickelte sich wegen des eisernen Vorhangs in zwei ganz unterschiedliche Richtungen. Grund genug für Züchter Mario Jessat, zusammen mit seinem Rudel auf eine ganz eigene Grenzwanderung aufzubrechen.

Untrennbar verwoben sind die Lebenslinien von Mario Jessat und den Schäferhunden des alten DDR-Typs. Diese Tatsache war mit ein Auslöser, warum der 57-jährige Schäferhundezüchter aus Frohnsdorf bei Chemnitz im vergangenen Jahr auf eine ganz besondere Hundetour aufbrach: Eine dreiwöchige Wanderung mit seinem Rudel, das ganze zwölf (!) Schäferhunde zählt, und zwar entlang des „Grünen Bandes“. Das ist der Plattenweg, auf dem die Transport- und Grenzfahrzeuge der DDR-Grenztruppen fuhren.

„Der Plattenweg ist heute ein Naturschutzgebiet und führt nicht nur durch landschaftlich schönes Gelände, sondern ist auch historisch sehr interessant“, erzählt Jessat. „Dort, wo alte Grenzzäune, Todesstreifen und natürlich auch Gedenkstätten zu sehen sind, lagen auch die Hunde-Laufanlagen, an denen die Vorfahren meiner Schäferhunde während der DDR-Zeiten Dienst taten. Zudem spielte der eiserne Vorhang auch in meiner Familie eine große Rolle, mein Bruder wurde inhaftiert und meine Familie ausgewiesen. Ich selbst sollte auch innerhalb von 24 Stunden die DDR verlassen und bin nur wegen der Hunde geblieben, weil ich für sie so schnell keine Lösung finden konnte. An der Grenze zu laufen hatte für mich auch eine gewisse Symbolik in die Gegenwart, denn nur 60 Prozent meiner Welpenkäufer sind aus den Altbundesländern, der Rest kommt aus ganz Europa. Wenn die Mauer nicht gefallen wäre, hätte ich nie so viele Freundschaften in alle Welt schließen können“.

Dreiwöchige Wanderung auf den Spuren des deutschen Schäferhundes

Für das Rudel und den Hundenarren, der jahrelang als Schäfer, später auch als Musher seine Hundeliebe auslebte, sollte es ein dreiwöchiger Urlaub in Erinnerung an die Familiengeschichte werden: „Spazieren gehen wir im Rudel täglich, aber in einer völlig fremden Gegend ist es wieder etwas anderes. Ziel war es, Tag und Nacht gemeinsam, losgelöst vom Alltag, einfach wieder einmal zu wandern, so wie ich es oft als Schäfer zu DDR-Zeiten getan habe. Für mich hat es auch etwas Mystisches, der Natur beim Wandern nahe sein zu dürfen“, erzählt der 57-Jährige.

Doch mit einem ganzen Rudel Hunde unterwegs zu sein, das erfordert einiges an Vorbereitung. Dabei hatte Mario Jessat ungewöhnliche Aufgaben zu lösen, an die ein Einzel-Hundehalter gar nicht denkt. „Das größte Problem war die Logistik fürs Hundefutter. Dann das An-der-Leine-Laufen meiner Hunde. Ich brauchte das bisher einfach nicht, meine Hunde sind immer bei mir, jagen nicht, wildern nicht und lassen andere Hunde in Ruhe. Aber mit so vielen, großen Hunden in unbekanntem Gebiet wandern zu gehen, das macht manchen Menschen Angst. Deshalb sollten alle an der Leine mit uns gehen können. Bei der Planung habe ich dann festgestellt, dass ich noch nicht einmal für jeden Hund ein Halsband habe“, lacht Jessat.

Leinentraining mit 15 Hunden - zunächst ein kleines Fiasko

Um seine kaputten Bandscheiben zu schonen, wurden die Hunde mit Leckerli dahingehend trainiert, auf einer Art Tisch „angezogen“ zu werden. „Mit dem Erfolg, dass meine Schäferhunde auf der Wanderung stürmisch eine Bierbank in Beschlag nehmen wollten – sehr zur Freude der Gäste“, erzählt der Züchter schmunzelnd, dem es sehr wichtig ist, dass seine Hunde folgsam, freundlich und leicht zu handeln sind.

„Das Leinentraining an sich war dann ein kleines Fiasko“, schmunzelt der ehrliche und selbstironische Züchter darüber, wie unbedarft er zunächst an das Leinentraining heranging. „Früher als Schäfer hatte ich zwei Hunde an einer Umhängeleine und die Hände frei. Nun wollte ich im gleichen Stil sechs Hunde an je einer Leine führen, die sonst frei neben mir laufen. Also hab ich als alter, erfahrener Schäfer links und rechts drei der jungen Hunde am Gürtel befestigt und nicht auf meine Lebensgefährtin gehört, die mir den Tipp gab, das ganze nur mal mit zwei Hunden zu probieren. Ich kam mir nach ein paar Metern vor, wie in einem Spinnennetz. Es dauerte nicht lange, dann flog ich, lag zwischen den Hunden am Boden und konnte sie nicht befreien, weil sie ja an mir fest waren und zogen wie wild.“

 

Schnell wurde die Situation aufgelöst und schließlich klappte das Training doch noch. „Auf der ganzen Wanderung wurde ich allerdings nicht einmal gebeten, meine Hunde anzuleinen“, grinst der Züchter. „Wir hatten nicht eine negative Erfahrung beim Wandern, obwohl wir mit so vielen Hunden unterwegs waren und komplett aufgefallen sind. Wir haben immer gesagt: Mit vielen Hunden giltst du als asozial, wenn sie gut hören, bist du eine Sensation. Wir bekamen viel Hilfe angeboten. Die Resonanz war wirklich toll.“

Fotos © Jessat, Musche

Das Herrchen schläft im Zelt, die Hunde unter einer gespannten Plane

Übernachtet wurde im Zelt und für die Hunde wurde mittels Spanngurten und einer großen Plane ebenfalls ein zeltähnlicher Unterschlupf gebaut. „In der Hoffnung, jeden Abend einen geeigneten Rastplatz zu finden, dass uns das Wetter keinen Strich durch die Rechnung macht und dass wir selber durchhalten, liefen wir los. Ein wenig ins Ungewisse, aber auch das hat seinen Reiz“, erinnert sich der Hundezüchter. Mit dabei war ein Begleitfahrzeug mit Dosenfutter für die Hunde – übrigens Jessats Eigenmarke „Stadtwolf“ – und mit den Siebensachen der menschlichen Wanderer.

Die ersten Tage klappten hervorragend, der Schäferhundezüchter bewundert im Nachhinein noch seine Hunde, die  völlig frei und losgelöst mit ihm durch die Gegend wanderten. Auch sie hatten jeden Abend einen anderen Schlafplatz, und doch waren sie ruhig und nahmen die Plane als Überdachung gut an. Trotzdem ging es nicht ohne schlechtes Wetter und Ausfälle auf Hundeseite ab: Da ein aufgerissener Ballen, dort ein eingetretener Splitter und eine Zerrung am Bein.

Schließlich erreichte das Rudel den sogenannten Todesstreifen. „In Zusammenarbeit mit einem Filmteam des MRD und ehemaligen Grenzern ergab sich ein hochinteressantes Gespräch über die DDR-Grenzhunde, die sehr gut die gleichen Zucht- bzw.-Blutlinien haben konnten, wie meine Hunde heute“, berichtet Jessat. "Ich habe auch die Papiere eingesehen, und siehe da, ich konnte bis 1976 Hunde nachvollziehen, die in meinen Linien sind. Wir haben uns also auf die Spur der ostdeutschen Schäferhunde gemacht, die durch den eisernen Vorhang von der Zucht des Deutschen Schäferhundes im Westen getrennt waren."

"Den gesunden Osthund mit geradem Rücken gab es offiziell gar nicht"

Der Schäferhund entwickelte sich während der vierzigjährigen deutschen Teilung in zwei völlig unterschiedlichen Zuchtlinien: Um der Schönheit willen wurden im Westen Hunde mit schrägem Rücken gezüchtet. Was sich dort zum angeblich schönen Modehund mit der Anlage zur Hüftgelenksdysplasie  entwickelte, blieb in der DDR ein gesundes, leistungsfähiges Arbeitstier mit geradem Rücken.

Jessat, zur Zeit des Mauerfalls noch Schäfer, erfuhr am eigenen Leib, wie enorm der Unterschied beider Linien ist: „Wir im Osten dachten ja nach der Grenzöffnung, alles aus dem Westen sei besser, und so holte ich mir einen der Westhunde, um ihn bei mir an den Schafen einzusetzen.“ Zum Hütetraining musste dieser in der sogenannten Furche laufen: „Schon da sprachen mich meine Schäferkollegen an, dass der Hund ja ganz komisch laufen würde und man sah tatsächlich deutlich, dass er in dem unebenen Gelände Probleme hatte. Schließlich kam heraus, dass der Westhund an HD erkrankt und an den Schafen nicht zu gebrauchen war.“ Dieses Erlebnis legte für den Hundeexperten, der seinen hündischen Schäfernachwuchs schon immer selbst züchtete, den Grundstein, die gesündere Ostlinie erhalten zu wollen.

Das war anfangs gar nicht so einfach. „Die Osthunde gibt es offiziell gar nicht, das bedeutete, dass man bei Wettbewerben nie eine gute Bewertung für einen Osthund bekommen hat. Viele „Ossis“ haben dann leider die Westhunde eingekreuzt. Aber einige haben durchgehalten und Gott sei Dank haben sich mittlerweile die Ansichten geändert. Einen durchgeknallten Wachhund braucht heutzutage niemand mehr, die meisten Welpenkäufer wollen kopfklare Familienhunde, die gesund sind. Und die DDR-Hunde bringen mit ihrer sprichwörtlichen phlegmatischen Art genau dieses Wesen mit“, ist der Züchter überzeugt.

Dauerhafter Regen zwingt zum Abbruch der Wanderung

13 Tage war Mario Jessat mit seinem Rudel auf den Lebenslinien des Schäferhundes am grünen Band unterwegs, traf alte und neue Bekannte, wurde von ehemaligen Welpenkäufern begleitet und erlebte viel Erzählenswertes – und musste am Ende eine kleine Niederlage einstecken: „Trotz besserer Wettervorhersagen gewitterte und schüttete es Tag und Nacht, die Hunde waren durchnässt, trockneten gar nicht mehr ab. Definitiv gestaltet sich eine Wanderung mit nur einem Hund diesbezüglich wesentlich einfacher. Diesen kann man mal schnell im Auto lassen, oder man quartiert sich in ein Hotelzimmer ein, aber für mein Rudel war das nicht möglich. Ich hatte mich zwei Jahre auf diese Wanderung gefreut und wollte es zunächst nicht wahrhaben, aber für die Gesundheit der Hunde musste ich die Wanderung frühzeitig abbrechen“, berichtet er von seiner schweren Entscheidung.

Was Mario Jessat noch alles bei seiner Wanderung erlebt hat, viel mehr über sein Leben als Schäfer, Schlittenhundebesitzer und Züchter erzählt er im Buch „Meine Rudelwanderung“, das im Sommer 2018 erscheinen wird.

 

Ein Film von der Wanderung gibt es in der Mediathek des MDR unter dem Titel: „DDR-Blut & Liebling des Westens – Das Geheimnis vom ostdeutschen Schäferhund“.

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Kommentare: 2
  • #1

    Silvia Przysiwek (Freitag, 01 Juni 2018 13:12)

    Daumen hoch!

  • #2

    Angelika Morgner (Donnerstag, 14 Juni 2018 18:56)

    Bin restlos beeindruckt und begeistert!