Wandern mit Handicap-Hunden: Patchi, Hütehund mit verkürztem Bein

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Nach einem Unfall im Welpenalter ist ein Bein von Patchi zehn Zentimeter kürzer als die anderen - und er ist taub. Trotzdem
war er schon auf mehreren Weitwanderungen dabei. Besitzerin Susanne nützt dazu einen Hundejogger ...

Wie heißt dein Hund, welche Rasse hat er, wie groß und wie alt ist er?

"Senior Patchi" ist ein spanischer Hütehund, ca. 58 cm Widerristhöhe, 25 kg Gewicht und er ist im Januar 2015 geboren.

Wie oft gehst du mit deinem Hund wandern und wie weit?

Patchi ist erst seit September 2016 fest bei mir. Wir haben nun schon einige Tagestouren gemacht und sind auch sonst im Durchschnitt mindestens zehn Kilometer am Tag unterwegs. Unsere erste Wandertour in diesem Jahr war eine Zweitagestour um den Chiemsee. Im Juni waren wir auf und neben dem Jurasteig. 192 km in sechs Tagen. Tagesetappen zwischen 21 km und 50 km.

 

Geplant ist in diesem Jahr noch der Pilgerweg „Viamaria“, von der Haustür über Altötting nach Mariazell (ca. 500 km). Ich selbst bin sehr wandererfahren, denn solche Touren habe ich mit meinen Hunden immer schon gemacht. Umso mehr freut es mich, dass Patchi auch so unternehmungslustig ist. Meine Hunde waren und sind gerettete und ich hatte mir nie einen ausgesucht.

Fotos © Kronstein

Vor welche Herausforderungen/Probleme stellt dich die Besonderheit deines Vierbeiners beim Wandern?

Patchi hat ein ca. zehn Zentimeter verkürztes Hinterbein (Unfall im Welpenalter). Um einer Arthrose vorzubeugen, soll er laut Tierärzten nicht länger als drei Mal am Tag eine Stunde laufen. Dazu ist er von Geburt an taub und vom Wesen her sehr selbstständig. Er hat Augen wie ein Adler und einen tiefsitzenden Hetztrieb. Dabei tut er niemandem etwas zuleide. Auf unserer Jurawanderung kamen wir an einer jungen Drossel in Angst-Starre-Stellung vorbei (Kopf steil nach oben gereckt). Patchi hat nur kurz hingeschnüffelt und ist dann weitergelaufen. Da er Gefahren (Radfahrer und Autos) nicht hört, geht er an der acht Meter langen Flexileine.

Inwieweit schränkt dich dein Vierbeiner beim Wandern ein? Wo sind eure Grenzen?

Um Mehrtagestouren und längere Wanderungen machen zu können, ist immer ein Jogger (geländegängiger "Kinderwagen" für Hune) notwendig, in dem ich Patchi fahren kann. Richtige Bergtouren sind nicht mehr möglich. Schmale ausgesetzte Pfade ebenso wenig.

 

Manchmal gibt es enge Wege mit Geländer/enge Felspassagen etc. wie z.B. in Schluchten, da passen wir dann auch nicht durch. Viehweiden, in die man nur über Tritte gelangt, müssten wir auch umgehen.

 

Lange Bergaufstrecken lassen sich nicht mehr realisieren. Patchi bergauf zu schieben ist zu schwer, und laufen darf er ja gerade bergauf nicht viel, weil da die Hinterhand besonders belastet wird. Da ich selbst aber eine Genusswanderin bin und die hohen Berge mich nicht locken passt das ganz gut.

Welche Lösungen hast du dir für die Besonderheit deines Hundes überlegt?

Weil ich selber ein Outdoor- und Wanderfreak bin, musste ich eine Lösung finden, um dem unternehmungslustigen Patchi ein Mitkommen zu ermöglichen. Nach langem Suchen (wobei ich nicht mal wusste, nach was ich suchte) bin ich dann bei den Joggern gelandet. Patchi liebt seinen Jogger und legt sich sogar in Pausen gerne hinein. Besser als auf Ameisen zu liegen :D

 

Der Jogger schiebt sich so leicht, dass ich den Rucksack hineinlege, wenn Patchi läuft. Es kam sogar schon vor, dass er während des Laufens von selber eingestiegen ist. Da ging er plötzlich genau hinter den Jogger, weshalb ich langsamer wurde und er daraufhin reinsprang. Mittlerweile schläft Patchi seelenruhig in seinem Jogger, auch wenn es durch Schlaglöcher geht.  

 

Von den 50,5 Kilometer einer Tagesetappe ist er mal höchstens 15 Kilometer gelaufen. Während des Tages gab es drei Regenschauer. Wenn es regnet, geht er freiwillig nicht aus seinem Jogger raus. Da mag er zuhause auch nicht nach draußen.  

 

Die lange Flexileine bewährt sich auch deswegen, weil Patchi damit galoppieren kann! Mir fiel auf, dass er immer im Linksgalopp anspringt, also sein gesundes Bein als Stützbein nimmt. Damit kann er sogar während einer Laufetappe sein geschädigtes rechtes Bein entlasten.

Wie reagieren andere Wanderer oder auch Hüttenwirte?

Bei Begegnungen unterwegs höre ich die lustigsten und dümmsten Kommentare. Die einen zeigen herzliches Interesse, die anderen auf Vorurteilen basierendes Unverständnis. „Die fährt ihren Hund spazieren“; „Aber laufen kann er auch“? Meist erzähle ich Patchis Geschichte in Kurzform und erhalte dann sehr große Sympathien.

 

Ein alter Bauer sagte: „ so ein Schmarrn“, als ich mit Patchi im Jogger in einem Feldweg auf ihn zukam. Ich erzählte ihm, warum das so ist, und er reagierte verständnisvoll, freundlich und mitfühlend.

 

Bei unserer Wanderung um den Chiemsee stellte ich fest dass auf den meisten Campingplätzen Hunde verboten sind. Zur richtigen Zeit fanden wir dann doch einen hundefreundlichen Campingplatz.

 

Am fünften Tag unserer Jurasteig-Wanderung regnete es ab Mittag sehr stark. Bei steilen Anstiegen (es waren zum Glück nicht viele), musste ich Patchi jedesmal aus dem Jogger ziehen! An diesem Tag hatte ich Lust auf ein Quartier. Mein Freund Hans hat in Holnstein für uns ein Quartier gefunden, in dem auch Hunde erlaubt sind, und sogar ein Zimmer frei war! Aber die Wirtin war trotz der Hundeerlaubnis alles andere als begeistert, weil sie entsprechend des Wetters einen nassen, verdreckten Hund erwartete. Da hat sie geguckt, als Patchi blitzsauber und trocken aus dem Jogger hüpfte!

Welche Tipps könntest du Wanderanfängern mit dem gleichen Hund geben?

Hunde, denen eine Gliedmaße ganz oder teilweise fehlt, sind sicher durch die Fehlbelastung alle gefährdet, Arthrose zu bekommen. Deshalb gebe ich als ersten Tipp den Ratschlag des Tierarztes weiter, darauf zu achten, dass die Laufstrecken entsprechend dem Grad der Behinderung ausfallen.

 

Den Hund in der Gewöhnungsphase mit dem Jogger immer positiv bestärken, dann löst der Anblick des Joggers bald Glücksgefühle aus. Also z.B. nach dem Einsteigen ein Superleckerli geben. Oder bei besonders ängstlichen Hunden erstmal den Anblick des Ungeheuers positiv bestärken, damit der Hund lernt, "immer wenn das Teil in Sichtweite, kommt passiert was Tolles"!

 

Patchi weiß, wenn ich seinen Jogger vor die Haustüre fahre, dass ein größerer Spaziergang kommt. Er setzt sich dann immer gleich mit hoffnungsvollen Augen hinein und wartet geduldig, bis es losgeht, damit er auf keinen Fall vergessen wird :D

Welches Erlebnis in Zusammenhang mit deinem Hund beim Wandern ist dir besonders in Erinnerung geblieben?

Auf jeden Fall die vielen netten Begegnungen mit Menschen. Ein Rentner kam am ersten Nachmittag einer Zweitagestour mit seinem E-Bike hinter uns gefahren. Ich merkte, dass er immer langsamer wurde, und dann neben uns abstieg: "Wo wollt ihr denn noch hin“? Es wurde ein nettes Gespräch, in dem er uns dann sogar anbot, bei ihm zu Übernachten und uns was zu Essen zu machen. Leider war sein Domizil für uns am selben Tag aber nicht mehr erreichbar.

 

Bei unserer sechstägigen Jurasteig-Wanderung hat mich besonders die Freude von Patchi am Morgen, wenn er gemerkt hat, dass wir wieder aufbrechen und es weiter geht, gefreut.

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Kommentare: 2
  • #1

    elke ackermann (Montag, 18 September 2017 11:25)

    hallo ich habe eine frage, könnt ihr meine emailadresse an susanne und ihren pachi weiterleiten.
    ich weiblich 49 jahre habe einen 15 jahre alten dackel mix namens charly. er ist für sein alter noch ein guter läufer und kann etwa 3 std im gemächlichen tempo mithalten. nun möchte ich im winter ebenfalls ein doggi bag große xxl kaufen indem alles hieinen passt was hund und fraule so braucht. wir möchten uns im nächsten jahr auf die wanderreise begeben. ich mache dies das erste mal bin deshalb noch unerfahren und würde mich gerne mit susanne austauschen oder gerne ein stück zusammen gehen. für das weiterleiten dieser email wäre ich sehr dankbar mit freundlichen grüßen elke und charly hanshermannkrause@web.de

  • #2

    Andrea (Dienstag, 19 September 2017 14:48)

    Hallo! Leite ich weiter :-)